Gedichte & Werke von Richard Dehmel 1863 - 1920

* der Autor Richard Dehmel geb. am 18. November 1863 in Wendisch-Hermsdorf/Brandenburg, Sohn eines Försters, Studium der Natur- u. Staatswissenschaften sowie Philosophie, im Alter von 24 Jahren promoviert er in Leipzig, nach dem Studium 8-jährige Tätigkeit in einer Versicherungsanstalt in Berlin, Kontakt zum Kreis der Berliner Naturalisten um die Gebrüder Hart, zu ihm gehören u.a. Arno Holz, Michael Georg Conrad und Otto Erich Hartleben, 1899 heiratet er Paula Oppenheimer, die er schon seit 1886 kennt u. mit der er drei Kinder hat, seine ersten Gedichtbände machen ihn wegen "Verletzung der religiösen und sittlichen Gefühle" deutschlandweit bekannt, 1902 lässt er sich in Hamburg nieder, 1912 gründet er die Kleiststiftung, bei Kriegsausbruch 1914 meldet er sich freiwillig, am 8. Februar 1920 stirbt er an den Folgen einer Venenentzündung.

Ein Tierbändiger

Ich kann Tierbändiger werden,
ich bin den Bestien gut;
sie würden gerne Menschen sein,
nur Qual ist ihre Wut,
drum sind ihre Augen so traurig.

So wie in Wahnsinn versunken,
so gläsern manchmal, so stier.
|Aber man braucht sie blos zu lieben,
das fühlen sie ganz wie wir
und lernen Vernunft annehmen.

Neulich am Raubtierkäfig
bot ich dem Tiger die Hand.
Er sah mich lange schnurrig an,
bis er mein Herz verstand;
dann ließ er sich ruhig tatzeln.

Er gähnte wie im Cirkus
und bog die Schwanzspitze sacht.
Ich wette, den dürft ich karbatschen,
er dächte: Du hast die Macht,
du bist ein kleiner Held.