Gedichte & Werke von Ludwig Thoma 1867 - 1921

* der Autor Ludwig Thoma geb. am 21.1.1867 in Oberammergau als Sohn eines Oberförsters, Studium der Forstwissenschaft, später dann Jura in München und Erlangen, 1893 bis 1899 Tätigkeit als Rechtsanwalt in Dachau, danach in München, ab 1899 Mitarbeiter des "Simplicissimus", ab 1907 des "März", im 1. Weltkrieg wird er als Krankenpfleger eingesetzt, danach lebt er in München und Rottach-Egern, er stirbt am 26.8.1921 in Rottach/Tegernsee

Oktoberfest 100 Jahre

Lasset uns, ihr edlen Bayern
- Untertanen! Publikum! -,
Mit gehobnen Herzen feiern
Dieses stolze saeculum!

Hühner-, Gäns- und Heringsbrater,
Heute seid ihr zentenar!
Dank so manchem Landesvater,
Der euch mild gewogen war.

Stier- und Sau- und Ochsentreiber,
Heute fühlt euch vaterländ'sch!
Brezelfrauen! Radiweiber!
Jedes alte Kuchelmensch!

Schweige jeder Widersacher!
Denn noch blühen sie uns frisch:
Treue für die Wittelsbacher,
Wiesenmaß und Steckerlfisch!

Nein! Noch ist es keine Lüge,
Daß man treu und bieder denkt!
Hebet hoch die Literkrüge,
Mit drei Quarteln eingeschenkt!

Ehrlicher Protest

Protektion im Diplomaten-

Dienste!! Nein, wer so was sagt.

Man betrachte doch die Taten

Der Regierung, vor man klagt!

Freilich sind es nur Barone

Oder Grafen, die man nimmt, -

Aber das geschieht doch ohne

Absicht! Nein! Die Wahl bestimmt

Nur die Qualität des Geistes

Und Bewußtsein strenger Pflicht.

Das Verzeichnis nun beweist es,

Huber - Lehmann hat es nicht.

Doch ein Sohn der Itzenplitze,

Wenn ein Rindvieh auch obschon,

Er kommt immer an die Spitze, -

Aber ohne Protektion.

Der Vesuv

Der Vesuv, indem er speit, mit nichten

Darf man gegen ihn die Klagen richten,

Insofern ja die Besonderheit

Darin liegt, daß er mitunter speit.

Halten Sie den Vorwurf für ersprießlich?

Wenn man schon Vulkan ist, muß man schließlich;

Und man regnet Asche oder speit,

Ob die Menschheit auch betroffen schreit.

Aber dieses scheint gesagt zu werden

Doch am Platze: wenn sich auf der Erden

So was zubegibt, wie der Vesuv,

Trifft der Tadel den, der ihn erschuf.

Und man fragt mit Recht den Himmelsvater,

Ob es schön ist, wenn sich aus dem Krater

So viel Unglück auf die Täler stürzt,

Manchem auch die Lebenszeit verkürzt.

Weiter frägt der sonst im Glauben Schwache:

Fällt noch überhaupt kein Spatz vom Dache?

Oder hatte dieser Bibelsatz

Geltung nur für einen frühern Spatz?

Diese - sagen wir - Unstimmigkeiten

Können böse Zweifel uns bereiten.

War es zu verhindern, dächte man,

Warum speit dann der Vesuvvulkan?

Mir natürlich scheint noch viel verdächtig;

Der Vesuv ist lang schon niederträchtig.

Damals schien es eine Götterschar

Bei Pompeji, die so freundlich war.

Damals bat der Mensch in Aschenregen

Jupiter um den besondern Segen.

Heute bittet man Gott Zebaoth

Um die Rettung aus der bittern Not.

Also sieht man, daß die Glauben wechseln,

An die Götter, die das Unheil drechseln.

Der Vesuv jedoch bleibt auf dem Platz,

Und vom Dache fällt noch mancher Spatz.

Resignation

Es gibt noch Leute, die sich quälen,

Aus denen sich die Frage ringt:

Wie wird der Deutsche nächstens wählen?

Wie wird das, was die Urne bringt?

Die Guten! Wie sie immer hoffen!

Wie macht sie doch ein jedesmal

Der Ausfall neuerdings betroffen!

Als wär' er anders, wie normal!

Wir wissen doch von Adam Riese,

Daß zwei mal zwei gleich vieren zählt.

Und eine Wahrheit fest wie diese

Ist, daß man immer Schwarze wählt.

Das Faktum läßt sich nicht bestreiten,

Auch wenn es noch so bitter schmeckt.

Doch hat das übel gute Seiten:

Es ruhet nicht auf Intellekt.

Man muß die Sache recht verstehen;

Sie ist nicht böse, ist nicht gut.

Der Deutsche will zur Urne gehen,

So wie man das Gewohnte tut.

Wer hofft, daß es noch anders würde,

Der täuscht sich hier, wie überall.

Die Schafe suchen ihre Hürde,

Das Rindvieh suchet seinen Stall.