Gedichte & Werke von Joseph von Eichendorff 1788 - 1857

*der Autor Joseph von Eichendorff Geboren am 10.3.1788 auf Schloß Lubowitz bei Ratibor/Oberschlesien; gestorben am 26.11.1857 Neisse/Schlesien

Echte Liebe

Lau in der Nacht mag ich nimmer sein, -
Kalt oder brennend wie ein lohes Feuer!
O, Lust und Leiden sind nur farblos, klein,
Wo Liebe nicht ergriffen hat das Steuer!

Wer noch bei Sinnen, ist kein rechter Freier;
Wirf von dir ohne Zagen all was dein,
Der stirbt vor Liebe nicht, ein halbgetreuer,
Wer von der Liebe mehr verlangt als Pein.

Gleichwie ein Schiff, wenn sich die Wetter schwärzen,
an jähen Klippen treibt bei finstrer Nacht.
Auf weitem Meer der Wind’ und Wogen Spiel,

So auf dem wüsten Meere meiner Schmerzen
Such ich, auf neue Leiden nur bedacht,
Im Hoffnungslosen meines Glückes Ziel.
 

Spruch

Drüben von dem sel'gen Lande
Kommt ein seltsam Grüßen her,
Warum zagst du noch am Strande?
Graut dir, weil im falschen Meer
Draußen auf verlornem Schiffe
Mancher frische Segler sinkt?
Und von halbversunknem Riffe
Meerfei nachts verwirrend singt?
Wagst du's nicht draufhin zu stranden,
Wirst du nimmer drüben landen!

Winterlied

Mir träumt', ich ruhte wieder
Vor meines Vaters Haus
Und schaute fröhlich nieder
Ins alte Tal hinaus,
Die Luft mit lindem Spielen
Ging durch das Frühlingslaub,
Und Blütenflocken fielen
Mir über Brust und Haupt.

Als ich erwacht, da schimmert
Der Mond vom Waldesrand,
Im falben Scheine flimmert
Um mich ein fremdes Land,
Und wie ich ringsher sehe:
Die Flocken waren Eis,
Die Gegend war vom Schnee,
Mein Haar vom Alter weiß.

Prinz Roccocco

Prinz Roccocco, hast dir Gassen
Abgezirkelt fein von Bäumen
Und die Bäume scheren lassen,
Daß sie nicht vom Wald mehr träumen.

Wo sonst nur gemein Gefieder
Ließ sein bäurisch Lied erschallen,
Muß ein Papagei jetzt bieder:
?Vivat Prinz Roccocco!? lallen.

Quellen, die sich unterfingen,
Durch die Waldesnacht zu tosen,
Läßt du als Fontänen springen
Und mit goldnen Bällen kosen.

Und bei ihrem sanften Rauschen
Geht Damöt bebändert flöten
Und in Rosenhecken lauschen
Daphnen fromm entzückt Damöten.

Prinz Roccocco, Prinz Roccocco,
Laß dir raten, sei nicht dumm!
In den Bäumen, wie in Träumen,
Gehen Frühlingsstimmen um.

Springbrunn in dem Marmorbecken
Singt ein wunderbares Lied,
Deine Taxusbäume recken
Sehnend sich aus Reih und Glied.

Daphne will nicht weiter schweifen
Und Damöt erschrocken schmält,
Können beide nicht begreifen,
Was sich da der Wald erzählt.

Laß die Wälder ungeschoren,
Anders rauscht's, als du gedacht
Sie sind mit dem Lenz verschworen,
Und der Lenz kommt über Nacht.

Frühlingsnacht

übern Garten durch die Lüfte
Hört ich Wandervögel ziehn,
Das bedeutet Frühlingsdüfte,
Unten fängt's schon an zu blühn.

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,
Ist mir's doch, als könnt's nicht sein!
Alte Wunder wieder scheinen
Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen's,
Und in Träumen rauscht's der Hain,
Und die Nachtigallen schlagen's:
Sie ist Deine, sie ist dein!

Titellos

Man setzt uns auf die Schwelle,

Wir wissen nicht, woher?

Da glüht der Morgen helle,

Hinaus verlangt uns sehr.

Der Erde Klang und Bilder,

Tiefblaue Frühlingslust,

Verlockend wild und wilder,

Bewegen da die Brust.

Bald wird es rings so schwüle,

Die Welt eratmet kaum,

Berg', Schloß und Wälder kühle

Stehn lautlos wie im Traum,

Und ein geheimes Grausen

Beschleichet unsern Sinn:

Wir sehnen uns nach Hause

Und wissen nicht, wohin?

Im Walde

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,

Ich hörte die Vögel schlagen,

Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,

Das war ein lustiges Jagen!

Und eh ich's gedacht, war alles verhallt,

Die Nacht bedecket die Runde,

Nur von den Bergen noch rauschet der Wald

Und mich schauert im Herzensgrunde.

Aus schweren Träumen

Fuhr ich oft auf und sah durch Tannenwipfel

Den Mond ziehn übern stillen Grund und sang

Vor Bangigkeit und schlummert wieder ein.

Ja, Menschenstimme, hell aus frommer Brust!

Du bist doch die gewaltigste, und triffst

Den rechten Grundton, der verworren anklingt

In all den tausend Stimmen der Natur!

Der Isegrim

Aktenstöße nachts verschlingen,

Schwatzen nach der Welt Gebrauch,

Und das große Tretrad schwingen

Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder

Eben nicht der Plunder wär,

Sondern ein hochwichtig Wunder,

Das gelang mir nimmermehr.

Aber andre überwitzen,

Daß ich mit dem Federkiel

Könnt den morschen Weltbau stützen,

Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen

Da steh oft wie ein Pasquill,

Läßt die Welt mich eben stehen -

Mag sie's halten, wie sie will!

Titellos

Stammbuchvers, der, von links nach rechts und von oben nach

unten gelesen, entgegengesetzte Rathschläge gibt

Habe nur deine Lust - mein Freund, an seltnen Gaben

An eines Mädchens Brust - kannst du dich schwerlich laben.

Der hat sich wohl gesellt - wer Kunst und Weisheit liebt,

Der sich zu Mädchen hält - der ist nur stets betrübt.

Das ist vortrefflich schön - bei seinen Büchern sitzen

Den Jungfern nachzusehn - wird dir sehr wenig nützen.

Drum rath ich dir allein - die Künste fortzutreiben

Bei Schönen nur zu sein - das, rath ich dir, laß bleiben.