Gedichte & Werke von Joachim Ringelnatz 1883- 1934

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* der Autor Joachim Ringelnatz War ein Schriftsteller und Maler. geboren am 7.8.1883 in Wurzen/Sachsen; gestorben am 17.11.1934 in Berlin

Entgleite nicht

Wer hätte damals das gedacht!?

Von mir!? - Wie war ich davon weit!

Dann stieg ich, stiegen wir zu zweit

Und sagten glücklich vor der Nacht;

"Kehr nie zurück, bedankte ärmlichkeit!"

Es war ein wunderschönes Hausen

In guter, kleinerbauter Heimlichkeit. -

Ganz winzige, herzförmige Fenster gibt's. -

Im reichen Raum vergißt man leicht das Draußen. -

Entgleite nicht, du Glück der Einfachheit.

Fußball

Der Fußballwahn ist eine Krank-

Heit, aber selten, Gott sei Dank.

Ich kenne wen, der litt akut

An Fußballwahn und Fußballwut.

Sowie er einen Gegenstand

In Kugelform und ähnlich fand,

So trat er zu und stieß mit Kraft

Ihn in die bunte Nachbarschaft.

Ob es ein Schwalbennest, ein Tiegel,

Ein Käse, Globus oder Igel,

Ein Krug, ein Schmuckwerk am Altar,

Ein Kegelball, ein Kissen war,

Und wem der Gegenstand gehörte,

Das war etwas, was ihn nicht störte.

Bald trieb er eine Schweineblase,

Bald steife Hüte durch die Straße.

Dann wieder mit geübtem Schwung

Stieß er den Fuß in Pferdedung.

Mit Schwamm und Seife trieb er Sport.

Die Lampenkuppel brach sofort.

Das Nachtgeschirr flog zielbewußt

Der Tante Berta an die Brust.

Kein Abwehrmittel wollte nützen,

Nicht Stacheldraht in Stiefelspitzen,

Noch Puffer außen angebracht.

Er siegte immer, 0 zu 8.

Und übte weiter frisch, fromm, frei

Mit Totenkopf und Straußenei.

Erschreckt durch seine wilden Stöße,

Gab man ihm nie Kartoffelklöße.

Selbst vor dem Podex und den Brüsten

Der Frau ergriff ihn ein Gelüsten,

Was er jedoch als Mann von Stand,

Aus Höflichkeit meist überwand.

Dagegen gab ein Schwartenmagen

Dem Fleischer Anlaß zum Verklagen.

Was beim Gemüsemarkt geschah,

Kommt einer Schlacht bei Leipzig nah.

Da schwirrten äpfel, Apfelsinen

Durch Publikum wie wilde Bienen.

Da sah man Blutorangen, Zwetschen

An blassen Wangen sich zerquetschen.

Das Eigelb überzog die Leiber,

Ein Fischkorb platzte zwischen Weiber.

Kartoffeln spritzten und Citronen.

Man duckte sich vor den Melonen.

Dem Krautkopf folgten Kürbisschüsse.

Dann donnerten die Kokosnüsse.

Genug! Als alles dies getan,

Griff unser Held zum Größenwahn.

Schon schäkernd mit der U-Bootsmine

Besann er sich auf die Lawine.

Doch als pompöser Fußballstößer

Fand er die Erde noch viel größer.

Er rang mit mancherlei Problemen.

Zunächst: Wie soll man Anlauf nehmen?

Dann schiffte er von dem Balkon

Sich ein in einem Luftballon.

Und blieb von da an in der Luft,

Verschollen. Hat sich selbst verpufft. -

Ich warne euch, ihr Brüder Jahns,

Vor dem Gebrauch des Fußballwahns!

Telefonischer Ferngruß

Ich grüße dich durchs Telefon,

Guten Morgen, du Gutes!

Ich sauge deiner Stimme Ton

In die Wurzeln meines Mutes.

Ich küsse dich durch den langen Draht.

Du Meinziges, du Liebes!

Was ich dir - nahe - je Böses tat,

Aus der Ferne bitt ich: Vergib es!

Bist du gesund? - Gut? - Was? - Wieviel? -

Nimm's leicht! - Vertraue! - Und bleibe

Mir mein. - - Wir müssen dies Wellenspiel

Abbrechen - - Nein "dir" Dank! - - Ich schreibe!

Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!

Ich würde dir ohne Bedenken

Eine Kachel aus meinem Ofen

Schenken.

Ich habe dir nichts getan.

Nun ist mir traurig zu Mut.

An den Hängen der Eisenbahn

Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -

Doch nimmer vergessen.

Ich reise.

Alles, was lange währt,

Ist leise.

Die Zeit entstellt

Alle Lebewesen.

Ein Hund bellt.

Er kann nicht lesen.

Er kann nicht schreiben.

Wir können nicht bleiben.

Ich lache.

Die Löcher sind die Hauptsache

An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Es lohnt sich doch

Es lohnt sich doch, ein wenig lieb zu sein

Und alles auf das Einfachste zu schrauben,

Und es ist gar nicht Großmut zu verzeihn,

Daß andere ganz anders als wir glauben.

Und stimmte es, daß Leidenschaft Natur

Bedeutete im guten und im bösen,

Ist doch ein Knoten in dem Schuhband nur

Mit Ruhe und mit Liebe aufzulösen.