Gedichte & Werke von Hermann von Lingg 1820- 1905

* der Autor Hermann von Lingg Hermann von Lingg (geboren 22. Januar 1820 in Lindau am Bodensee; gestorben am 18. Juni 1905 in München) war ein deutscher Dichter. Als Lyriker und Epiker widmete er sich besonders dem Verfassen von Balladen, schrieb aber auch Dramen und Erzählungen.

Einsamkeit

Wie lang schon trat niemand mehr ein

In dieses stille Zimmer;

Nur hier das bischen Sonnenschein

Glänzt heute noch wie immer.

Und alles ringsum aufgeräumt

Und wie ich's sonst gefunden;

Die Wanduhr nur steht still und träumt

Von längst vergangnen Stunden.

Wie still es ist! Nur dann und wann

Der Sommerfliege Summen.

Hier saß ich oft allein und sann

In innerem Verstummen.

Entmutigt sein, wenn alles hofft,

Wenn alles lebt, gebunden -

Ich kenne sie, ich hab' sie oft

Gefühlt, die bittern Stunden!

Das Unglück lieben

Das Unglück lieben - o das heißt,

Durch Dorngestrüppe, das uns blutig,

Das uns das Kleid vom Leibe reißt,

Im Dunkel gehn, am Abgrund mutig;

Es heißt nicht gehn im Sonnenschein,

Jedoch auch leiden nicht allein.

Das Unglück lieben heißt, zugleich

Verachtung, Spott und ohne Klagen,

Gefaßt auf jeden Wetterstreich,

Der Erde Doppellast ertragen,

Dem süßen vorziehn bittern Trank

Und ernten, ach, nur kargen Dank.

Das Unglück lieben heißt, ein Kind

Mit heim von öder Straße nehmen,

Beschützen vor dem rauhen Wind,

Heißt, harten Sinn und Stolz beschämen,

Selbst nicht vor Trotz und Widerstand

Zurückziehn seine Retterhand.

Das Unglück lieben heißt, nicht Flaum

Und weiche Polsterdecken lieben,

Doch die, die umgehn wie im Traum,

Die ärmsten, die zurückgeblieben,

Errettend wiederum hervor

Geleiten, zu dem Glück empor.

Das Unglück lieben heißt, die Not

Des Erdendaseins ganz empfinden,

Die Ohnmacht vor dem Machtgebot,

Dem kein Geschöpf sich kann entwinden,

Heißt streifen an des Engels Flug,

Der auf die Welt das Mitleid trug.

Vergessen und verlassen

Nur deine Locken küßt der Wind,

Sonst ist es ringsum stille Nacht.

Ein Mainachtregen haucht gelind,

Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht,

Nur deine Locken küßt der Wind.

Was blickst du einsam in die Nacht,

Du armes, allverlassnes Kind?

Dein Lächeln hat einst mir gelacht

Kein Licht erglänzt, kein Stern erwacht,

Nur deine Locken küßt der Wind.

Ausgewählte Gedichte (1853)

Nicht jenes Zaubernetz, gesponnen

Aus deinem schönen Lockenhaar,

Auch nicht dein leuchtend Augenpaar

Hat so mein Herz für dich gewonnen,

Nein, eine Schönheit höh'rer Art,

Die immer mehr sich offenbart.

Der reine Wert, dein innres Leben,

Der Seelenadel, der dich schmückt,

Das ist's, was mich an dir entzückt;

Und beben muß ich, tief erbeben:

Es beugt mich der Gedanke fast,

Daß du mich lieb gewonnen hast.

Ausgewählte Gedichte (1853)

Ja, einmal nimmt der Mensch von seinen Tagen

Im voraus schon des Glückes Zinsen ein,

Und spricht: ich will den Kranz der Freude tragen,

Mag, was darauf folgt, nur noch Asche sein.

Die vollen Becher! Laß uns alles wagen!

Ja einmal will ich auf den Mittagshöh'n

Des Lebens stehn und dann am Ende sagen:

Wie war es doch so schön!

Wie war der Traum so schön! Da wir uns liebten,

Da blühten Rosen um den Trauerzug;

Im Schaum der Tage, die sonst leer zerstiebten,

War eine Perle, reich und stolz genug.

Ich will den Arm um deinen Nacken schlingen,

Und durch die Ferne der Erinnrung tön':

Kann keine Zeit das Glück uns wiederbringen -

Wie war es doch so schön!