Gedicht Das Geheimnis von Friedrich Schiller
Sie konnte mir kein Wörtchen sagen,
Zu viele Lauscher waren wach,
Den Blick nur durft ich schüchtern fragen,
Und wohl verstand ich, was er sprach.
Leis komm ich her in deine Stille,
Du schön belaubtes Buchenzelt,
Verbirg in deiner grünen Hülle
Die Liebenden dem Aug der Welt.
Von ferne mit verworrnem Sausen
Arbeitet der geschäftge Tag,
Und durch der Stimmen hohles Brausen
Erkenn ich schwerer Hämmer Schlag.
So sauer ringt die kargen Lose
Der Mensch dem harten Himmel ab,
Doch leicht erworben, aus dem Schoße
Der Götter fällt das Glück herab.
Daß ja die Menschen nie es hören,
Wie treue Lieb uns still beglückt!
Sie können nur die Freude stören,
Weil Freude nie sie selbst entzückt.
Die Welt wird nie das Glück erlauben,
Als Beute wird es nur gehascht,
Entwenden mußt dus oder rauben,
Eh dich die Mißgunst überrascht.
Leis auf den Zehen kommts geschlichen,
Die Stille liebt es und die Nacht,
Mit schnellen Füßen ists entwichen,
Wo des Verräters Auge wacht.
O schlinge dich, du sanfte Quelle,
Ein breiter Strom um uns herum,
Und drohend mit empörter Welle
Verteidige dies Heiligtum!
Gedicht Schönheit von Friedrich Schiller
Schönheit ist ewig nur Eine, doch mannigfach
wechselt das Schöne,
Daß es wechselt, das macht eben das Eine nur schön.
Gedicht Der Antritt des neuen Jahrhunderts An *** von Friedrich Schiller
Edler Freund! Wo öffnet sich dem Frieden,
Wo der Freiheit sich ein
Zufluchtsort?
Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,
Und das neue öffnet
sich mit Mord.
Und das Band der Länder ist gehoben,
Und die alten
Formen stürzen ein;
Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben,
Nicht der
Nilgott und der alte Rhein.
Zwo gewaltge Nationen ringen
Um der Welt
alleinigen Besitz,
Aller Länder Freiheit zu verschlingen,
Schwingen sie
den Dreizack und den Blitz.
Gold muß ihnen jede Landschaft wägen,
Und
wie Brennus in der rohen Zeit
Legt der Franke seinen ehrnen Degen
In die
Waage der Gerechtigkeit.
Seine Handelsflotten streckt der Brite
Gierig
wie Polypenarme aus,
Und das Reich der freien Amphitrite
Will er
schließen wie sein eignes Haus.
Zu des Südpols nie erblickten
Sternen
Dringt sein rastlos ungehemmter Lauf,
Alle Inseln spürt er, alle
fernen
Küsten - nur das Paradies nicht auf.
Ach umsonst auf allen
Länderkarten
Spähst du nach dem seligen Gebiet,
Wo der Freiheit ewig
grüner Garten,
Wo der Menschheit schöne Jugend blüht.
Endlos liegt die
Welt vor deinen Blicken,
Und die Schiffahrt selbst ermißt sie kaum,
Doch
auf ihrem unermeßnen Rücken
Ist für zehen Glückliche nicht Raum.
In
des Herzens heilig stille Räume
Mußt du fliehen aus des Lebens
Drang,
Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,
Und das Schöne blüht nur
im Gesang.
Gedicht Der Flüchtling von Friedrich Schiller
Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch,
Purpurisch zuckt durch düst'rer
Tannen Ritzen
Das junge Licht, und äugelt aus dem Strauch,
In gold'nen
Flammen blitzen
Der Berge Wolkenspitzen,
Mit freudig melodisch
gewirbeltem Lied
Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne,
Die schon in
lachender Wonne
Jugendlich schön in Auroras Umarmungen glüht.
Sei
Licht mir gesegnet!
Dein Strahlenguß regnet
Erwärmend hernieder auf
Anger und Au.
Wie silberfarb flittern
Die Wiesen, wie zittern
Tausend Sonnen im perlenden Tau!
In säuselnder Kühle
Beginnen die
Spiele
Der jungen Natur,
Die Zephyre kosen
Und schmeicheln um Rosen,
Und Düfte beströmen die lachende Flur.
Wie hoch aus den Städten die
Rauchwolken dampfen,
Laut wiehern und schnauben und knirschen und
strampfen
Die Rosse, die Farren,
Die Wagen erknarren
Ins ächzende
Tal.
Die Waldungen leben
Und Adler, und Falken und Habichte schweben,
Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.
Den Frieden zu finden,
Wohin soll ich wenden
Am elenden Stab?
Die lachende Erde
Mit
Jünglingsgebärde
Für mich nur ein Grab?
Steig empor, o Morgenrot,
und röte
Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,
Säus'le nieder Abendrot und
flöte
Sanft in Schlummer die erstorb'ne Welt.
Morgen - ach! du rötest
Eine Totenflur,
Ach! und du, o Abendrot! umflötest
Meinen langen
Schlummer nur.
Gedicht Die Götter Griechenlands von Friedrich Schiller
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem
Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem
Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders
war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
Da
der Dichtung zauberische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand,
-
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
Und was nie empfinden wird,
empfand.
An der Liebe Busen sie zu drücken,
Gab man höhern Adel der
Natur,
Alles wies den eingeweihten Blicken,
Alles eines Gottes
Spur.
Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen,
Seelenlos ein Feuerball
sich dreht,
Lenkte damals seinen goldnen Wagen
Helios in stiller
Majestät.
Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas lebt' in jenem
Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme
Silberschaum.
Jener Lorbeer wand sich einst um Hilfe,
Tantals Tochter
schweigt in diesem Stein,
Syrinx' Klage tönt' aus jenem
Schilfe,
Philomelas Schmerz aus diesem Hain.
Jener Bach empfing Demeters
Zähre,
Die sie um Persephone geweint,
Und von diesem Hügel rief
Cythere,
Ach, umsonst! dem schönen Freund.
Zu Deukalions Geschlechte
stiegen
Damals noch die Himmlischen herab;
Pyrrhas schöne Töchter zu
besiegen,
Nahm der Leto Sohn den Hirtenstab.
Zwischen Menschen, Göttern
und Heroen
Knüpfte Amor einen schönen Bund,
Sterbliche mit Göttern und
Heroen
Huldigten in Amathunt.
Finstrer Ernst und trauriges
Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle
Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts
heilig, als das Schöne,
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch
erröthende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.
Eure Tempel lachten gleich
Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen
Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle
Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten
Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.
Das Evoe muntrer
Thyrsusschwinger
Und der Panther prächtiges Gespann
Meldeten den großen
Freudebringer,
Faun und Satyr taumeln ihm voran;
Um ihn springen rasende
Mänaden,
Ihre Tänze loben seinen Wein,
Und des Wirthes braune Wangen
laden
Lustig zu dem Becher ein.
Damals trat kein gräßliches
Gerippe
Vor das Bett des Sterbenden. Ein Kuß
Nahm das letzte Leben von der
Lippe,
Seine Fackel senkt' ein Genius.
Selbst des Orkus strenge
Richterwage
Hielt der Enkel einer Sterblichen,
Und des Thrakers
seelenvolle Klage
Rührte die Erinyen.
Seine Freuden traf der frohe
Schatten
In Elysiens Hainen wieder an,
Treue Liebe fand den treuen
Gatten
Und der Wagenlenker seine Bahn;
Linus' Spiel tönt' die gewohnten
Lieder,
In Alcestens Arme sinkt Admet,
Seinen Freund erkennt Orestes
wieder,
Seine Pfeile Philoktet.
Höhre Preise stärken da den
Ringer
Auf der Tugend arbeitvoller Bahn;
Großer Thaten herrliche
Vollbringer
Klimmten zu den Seligen hinan.
Vor dem Wiederforderer der
Todten
Neigte sich der Götter stille Schaar;
Durch die Fluten leuchtet dem
Piloten
Vom Olymp das Zwillingspaar.
Schöne Welt, wo bist du? - Kehre
wieder,
Holdes Blüthenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der
Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das
Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem
lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.
Alle jene Blüthen
sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter
Allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an dem
Sternenbogen,
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder
ruf' ich, durch die Wogen,
Ach! sie wiederhallen leer!
Unbewußt der
Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr
des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos
selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem todten Schlag der
Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte
Natur.
Morgen wieder neu sich zu entbinden,
Wühlt sie heute sich ihr
eignes Grab,
Und an ewig gleicher Spindel winden
Sich von selbst die Monde
auf und ab.
Müßig kehrten zu dem Dichterlande
Heim die Götter, unnütz
einer Welt,
Die, entwachsen ihrem Gängelbande,
Sich durch eignes Schweben
hält.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie
mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte
Wort.
Aus der Zeitfluth weggerissen, schweben
Sie gerettet auf des Pindus
Höhn;
Was unsterblich im Gesang soll leben,
Muß im Leben untergehn.