Gedichte & Werke von Ferdinand von Saar 1833 - 1906

* der Autor Ferdinand von Saar Geboren am 30.9.1833 in Wien; gestorben am 24.7.1906 in Wien-Döbling.

Gedicht Novemberlied von Ferdinand von Saar


Novembernebel füllen
Mit feuchtem Grau das Thal,
Als wollten sie verhüllen
Die Erde, kahl und fahl.

Mit seinem dunklen Saume
Gespenstisch ragt der Wald,
Daraus, so wie im Traume,
Von fern die Axt erschallt.

Den Pfad mit kühlem Hauche
Umwittert ödes Weh',
Verwais't am dorn'gen Strauche
Bebt Hagebutt' und Schleh'.

Wohin die Schritte streben,
Versinkt der Fuß im Koth –
Mühselig ist das Leben
Und traurig wie der Tod.

Gedicht Landschaft im Spätherbst von Ferdinand von Saar

Ueber kahle, fahle Hügel
Streicht der Dämm'rung kühler Flügel;
Dunkel, wie erstarrte Träume,
Steh'n im Thal entlaubt die Bäume.

Tiefe Stille, tiefes Lauschen:
Keine Welle hörst du rauschen,
Keine Stimme hörst du klingen,
Dir des Lebens Gruß zu bringen.

Nur als stummes Bild der Gnade
Siehst du dort am stein'gen Pfade,
Von des Kreuzes Holz getragen,
Durch die Nacht den Heiland ragen

Gedicht Kindesthränen von Ferdinand von Saar

Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh’n,
Mußt du mit scheuer Gramgeberde,
Ein Kind im Stillen weinen seh’n;

Ein Kind, das eben fortgewichen
Aus fröhlicher Gespielen Kreis
Und nun, vom ersten Schmerz beschlichen,
In Thränen ausbricht, stumm und heiß.

Du weißt nicht, was das kleine Wesen
So rauh und plötzlich angefaßt -
Doch ist’s in seinem Blick zu lesen,
Wie es schon fühlt des Daseins Last.

Wie es sich bang und immer bänger
Zurück schon in sein Inn’res zieht,
Weil es Bedränger auf Bedränger
Mit leisem Schaudern kommen sieht.

Willst du die Leiden dieser Erde,
Der Menschheit Jammer ganz versteh’n:
Mußt du mit scheuer Gramgeberde
Ein Kind im Stillen weinen seh’n.

Gedicht Drahtklänge von Ferdinand von Saar

Ihr dunklen Drähte, hingezogen
    So weit mein Aug' zur Ferne schweift,
Wie tönt ihr, wenn der Lüfte Wogen
    In euch so wie in Saiten greift!

O welch' ein seltsam leises Klingen,
    Durchzuckt von schrillem Klagelaut,
Als hallte nach, was eu'ren Schwingen
    Zu raschem Flug ward anvertraut.

Als zitterten in euch die Schmerzen,
    Als zitterte in euch die Lust,
Die ihr aus Millionen Herzen,
    Verkündend, tragt von Brust zu Brust.

Und so, ihr wundersamen Saiten,
    Wenn euch des Windes Hauch befällt,
Ertönt ihr in die stillen Weiten
    Als Aeolsharfe dieser Welt!