Ungewißheit
In dieser hellen Finsternis,
auf welcher wir auf Erden stecken,
wird ein Vernünftiger gar leicht entdecken,
daß alles Wissen ungewiß.
Die Ungewißheit geht sogar so weit,
daß man,
mit Recht und Zuverläßigkeit,
daß alles ungewiß, gewiß kaum sagen kann.
1.
??? Den schönen Bau der Welt sieht, leider! jedermann,
Durch seiner
Leidenschaft verkehrtes Fern-Glas, an,
Das alles, nur nicht sich, verkleinert
und entfernet,
Durch welches man nur sich allein vergrössern
lernet.
2.
??? Nur sich allein; denn was man sonsten sieht und
hört,
Wofern man's nicht, aus Geitz und Noth, für sich begehrt,
Das sieht
und hört man nicht: Man würdigt Gottes Wercke
Bey weitem nicht so viel, daß
man sie nur bemercke.
3.
??? Dem Kaufmann kommt die Welt nur bloß, als
ein Contor,
Als eine Wechsel-Banck, als eine Messe, vor.
Voll Hoffnung zum
Gewinn, voll Sorg' und Furcht für Schaden,
Denckt er: Die Erde sey ein
grosser Kaufmanns-Laden.
4.
??? Ein Alexander glaubt: Es sey der
Kreis der Welt
Nichts, als ein grosser Platz; nichts, als ein weites
Feld,
Bequem, sich mit dem Feind darauf herum zu schlagen,
Und eben groß
genug, um seinen Thron zu tragen.
5.
??? Frag't den verliebten P-, was
ihm der Erd-Kreis sey?
Ach! ruft er, gantz ersäuft in süsser Bulerey:
Er
ist ein Aufenthalt, ein Wohn-Platz meiner Schönen,
Ein nettes Schlaf-Gemach
der holden Dulcimenen.
6.
??? Ein Jäger denckt und spricht: Es ist die
Welt ein Wald,
Des Wildes Lager-Statt, der Hasen Aufenthalt,
Und, mit
Vergnügen steif vom täglichen Gerenne,
Begreift er nicht, wie man in Städten
wohnen könne.
7.
??? Es ist dem Handwercksmann, der auf der
Werck-Statt schwitzt,
Die Werck-Statt seine Welt, die er für sich
besitzt.
Er braucht des Schöpfers Bild, den Geist, zusamt den Sinnen,
Zu
nichts, als Käse, Brodt und Brantwein zu gewinnen.
8.
??? Scheint ein
Gelehrter nicht, die Erde, die so schön,
Als einen Bücher-Schranck,
tiefsinnig anzusehn:
Den er mit neuen theils, und theils mit alten
Grillen,
In allerley Format, gehalten sey zu füllen?
9.
??? Ein
Dichter bild't sie sich, wie einen Pindus, ein,
Und schreibt er gleich, wie
T-, glaubt er Apoll zu seyn.
Er denckt, es könne nichts so grossen Nutzen
bringen,
Ja nichts so nöthig seyn, als Wort' in Reime
zwingen.
10.
??? Ha! spricht ein Zeitungs-Narr, und lacht mit lauter
Stimm':
Ich seh' mich auf dem Kreis der Welt gantz anders üm:
Ich weis, wo
jedes Reich in Ost- und Westen lieget,
Und wette, daß zuletzt der Schwede
doch noch sieget.
11.
??? Wie ein Astrologus, nach seinen Gründen,
schreibt:
So scheint es, daß er dieß vom Erden-Circkel gläubt:
Sie sey für
jedermann, durch der Planeten Gläntzen,
Mit Linien bestrahlt, gespickt mit
Influentzen.
12.
??? Ein Advocat, der nichts, als dreh'n und schmählen
kann,
Sieht bloß, als ein Gericht, den Kreis der Erden an.
Die Menschen
theilt er ein; die besten sind Clienten,
Und zwar die Seinigen, die andern,
Delinquenten.
13.
??? Ein Artzt beschaut den Kreis der Welt, als ein
Spital:
Ihn kränckt der Menschen Wohl, er lebt von ihrer Qual:
Sein Zweck
(ob seine Kunst gleich zu was edlers führet)
Ist: wenn, durch ihn, die Welt
brav schwitzet und purgiret.
14.
??? Es schreibt ein Philosoph: Die
Erd' ist ein Planet,
Der jährlich um die Sonn', um sich sich täglich,
dreht;
Der oft in Hitz' und Frost, in Licht und
Schatten
?stecket,
Woran der äuss're Rand mit Narren gantz
bedecket.
15.
??? Ein Frommer aber glaubt mit Recht: Es sey die
Welt
Ein Buch, das Göttliche Geheimniss' in sich hält:
Ein Buch, das
Gottes Hand, aus ew'ger Huld getrieben,
Zu Seines Namens Ehr', und unsrer
Lust, geschrieben.
16.
??? Ein Buch, das man mit Recht das Buch der
Weisheit nennt,
Aus dessen Inhalt man den wahren Gott erkennt.
Man kann, o
Wunder! hier die Schrift von Gottes Wesen
Nicht mit den Augen nur, mit allen
Sinnen, lesen.
17.
??? Durch's Ohr, lies't unser Geist die Zieffern
Seiner Macht;
Durch's Auge, fühlen wir die Strahlen Seiner Pracht;
Die
Zunge spür't die Kraft der Göttlich-süssen Triebe;
Man schmecket, im Geruch,
den Balsam Seiner Liebe;
18.
??? Es ist ein jeglicher
Gesichts-Kreis hier ein Blatt;
Der Sonnen Strahl und Licht sind GOTT an
Griffels statt;
Die Elementen Dint'; und alle Creaturen,
Im Himmel, Erd'
und Meer, sind Lettern und Figuren.
19.
??? O unbegreiflichs Buch! O
Wunder - A, B, C!
Worin, als Leser, ich, und auch als Letter, steh!
Laß,
grosser Schreiber, mich im Buche dieser Erden,
Zu Deines Namens Ruhm, ein
lauter Buchstab werden!
20.
??? Laß mich von dieser Schrift die Züge,
die so schön,
Mit immer frischem Blick, empfinden, schmecken, sehn!
Gib
aber, daß ich stets, in diesem grossen Buche,
Mit frohem Fleiß, nur Dich, den
wahren Inhalt, suche!
21.
??? Laß mich, o grosses ALL! die gantze
Lebens-Zeit,
Mit aufgewecktem Geist, der Sinnen Trefflichkeit,
Samt ihrem
Gegenwurf, die Welt, für Mittel schätzen,
Wodurch, zu Deiner Ehr', der Mensch
sich soll ergetzen!
22.
??? Es schwäche nicht den Muth der
Trägheit stille Kraft!
Den Geist beneb'le nicht der Dampf der
Leidenschaft!
Laß die Unachtsamkeit sich nicht des Ohrs bemeistern!
Laß ja
Gewohnheit mir die Augen nicht verkleistern!
23.
??? Ist denn kein
eintziger, der mit Vernunft ermisst,
Daß, Gott zum Ruhm, die Welt für uns
erschaffen ist?
Wirf einmahl einen Blick, o Mensch, auf dich von
innen,
Auf deiner Seelen Sitz und Werckzeug, auf die
Sinnen!
24.
??? Was von dem grossen ALL in Seinem Worte steht,
Was
aus der Priester Mund von Seinem Willen geht,
Den Buchstab und die Kraft von
solchen süssen Lehren,
Kann unser Auge sehn, die Ohren können's
hören.
25.
??? Daß aber unser Gott nicht durch die zween
allein,
Nein, auch durch's Buch der Welt, woll'
angebethet
?seyn,
Bezeugen jene drey, weil Fühlen, Riechen,
Schmecken
Sich eintzig auf die Welt, auf anders nichts,
erstrecken.
26.
??? Daher auch unsre Pflicht sich dann am besten
zeigt,
Mann jemand, durch's Geschöpf, zum grossen Schöpfer steigt,
Sich
seiner Wercke freut: Denn selbe nicht betrachten,
Heisst Gottes Liebe, Macht
und Majestät verachten.
27.
??? So braucht, ihr Sterblichen, den
Geist, den GOTT euch schenckt,
Zu Seiner Ehr' allein! Doch irr't ihr, wenn
ihr denckt:
Durch diese Lehre sey die Arbeit aufgehoben.
Es kann ein jeder
Gott, bey seiner Arbeit, loben.
28.
??? Auf seiner Werck-Statt seh'
ein jeder Handwercks-Mann
Sein Zeug, als ein Geschöpf des weisen Schöpfers,
an!
Der Schneider seh' sein Tuch, der Schuster schau' sein Leder,
Als
Schrift und Lettern, an, aus Gottes Allmachts-Feder!
29.
??? Wodurch
Er Seine Macht, zu unserm Nutz, beschreibt.
Wer, ohn' auf Gott zu sehn, sein
Thun und Handwerck treibt,
Der unterscheidet sich, am Geist, nicht von den
Thieren,
Die gleich so gut, als wir, sehn, hören, schmecken,
spüren.
30.
??? Soll uns nun über sie ein Vorzugs-Recht erhöh'n;
So
kann dasselbe ja in anders nichts bestehn,
Als daß man den Verstand auch,
nebst den Sinnen, brauche,
Und so, aus unsrer Lust, ein Andachts-Opfer
rauche.
31.
??? Betrachtet, was, wodurch, und ja, aus wessen
Kraft
Ihr sehet, was ihr seht! Ihr seht die Eigenschaft:
Ihr seht sie,
durch die Sonn'; ihr seht sie, bloß aus Liebe,
Die Gott, euch Sonn' und Welt,
aus nichts, zu schaffen, triebe.
32.
??? So ruf't denn stets,
erfreut durch der Geschöpfe Pracht:
Dieß ist so schön! dieß hat ein weiser
Gott gemacht!
Gott Lob, daß es so schön. Gott Lob, daß mir die Sonne
Die
Welt, durch's Auge, zeigt, und zwar zu meiner Wonne.
33.
??? Wer also
jederzeit, mit fröhlichem Gemüth',
In allen Dingen Gott, als gegenwärtig,
sieht;
Wird sich, wann Seel' und Leib sich, durch die Sinne, freuen,
Dem
grossen Geber ja zu widerstreben, scheuen.
34.
??? Aus
Unerkenntlichkeit kommt alle Bosheit her.
Der beste Gottes-Dienst ist, sonder
Zweifel, der:
Wenn man vergnüget schmeckt, recht fühlt, riecht, sieht und
höret,
Aus Schaam, die Laster hasst; aus Liebe, Gott verehret.