Gedichte & Werke von Anna Louisa Karsch 1722 - 1791

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*die Autorin Anna Louisa Karsch geb. 1.12.1722, in Schlesien als Tochter eines Gastwirts, sie heiratet sechzehnjährig einen Tuchmacher, von dem sie sich nach schlechter Behandlung scheiden lässt, danach Heirat mit dem Schneider Karsch, einem Alkoholiker, verfasst patriotische Gesänge und Gelegen-heitsgedichte als Geldverdienst, Kontakte zu Lessing, Mendelssohn, Herder, Goethe. Gleim sorgt 1764 für die Veröffentlichung ihrer Gedichte, sie stirbt am 12. 10. 1791 in Berlin

An den Wein

Wein! ich möchte dich bald haßen,
Ich bin deiner Allmacht feind,
Denn du willst mir meinen Freund
Immer nicht vom Becher lassen.
Du bist meiner Freuden Dieb,
Könnt ich dich doch ganz verachten.
Milon hat dich gar zu lieb,
Und mich läßt er schmachten. -

    Loben wollt ich die Begier,
Wein zu trinken halbe Nächte,
Wenn mein Milon nur mit mir
Manchen Abend zechte;
Aber nun trinkt er den Wein<
Ha ihr Männer, ha ihr Zecher,
Amor jag euch von dem Becher
Durch die Pfeile, die im Köcher
Aufgesammlet sind zur Pein
    Aller Herzenbrecher.

 

An Milon

Zanken will ich nicht und klagen,
Aber eins muß ich dir sagen:
Du, der du mein Herz gewannst,
Milon, der du mich bewirthen
Durch ein freundlich Lächeln kannst,
Du verschmähtest jüngst die Myrthen,
Weil du dich nicht drauf besannst,
Daß dein Weigern mich betrübte,
Ach du wustest nicht, daß ich
In die Veilchen mich verliebte,
Welche zum Beneiden sich
Dir ans Herz gelegt befanden,
Tauschen wollt ich gern mit dir,
Und du hast mich nicht verstanden.
Diese Veilchen wären mir
Heiliger noch als die andern,
Die dein Diener mir gebracht;
Und sie sollten mit mir wandern
In des finstern Grabes Nacht.
O wie kannst du das verachten,
Was dir meine Liebe beut;
Kannst du nicht mein Herz betrachten
Bei der Blumen Kleinigkeit?
Pflücke du mir auf dem Platze,

Wo dein Fuß zu wandeln pflegt,
Blümchen, die der Grasraum trägt,
Und ich mache sie zum Schatze.
Gänseblümchen nähm ich an,
Und ein Zweigchen von den Bäumen,
Die ein jeder nutzen kann;
Wo in lügnerischen Träumen
Sich der arme Kriegesmann
Ausgestreckt am Tische weidet,
Und noch hungert, wenn er wacht,
Und den Reichen noch beneidet,
Der sich Promenaden macht. -
Solch ein Zweigchen, du mein Lieber!
Brich mir im Begegnen ab,
Und ich freue mich darüber,
Weil mirs Milon gab

An den Freyherrn von A. aus Cöthen über die Winterlustbarkeiten in Berlin

Du, dessen Auge nichts verräth

Vom Stolze, den so manche Brust bewirthet,

Durch Ordensbänder aufgebläht,

Womit sie ward umgürtet.

O A*! Dein Herz verschließt

Sich nimmer, wenn die Freuden Dich umgeben,

Der Weise braucht sie, und versüßt

Sich gern dadurch das Leben.

Dich reizt Dein Landgut, wenn im May

Die Vögel aus den schattigen Gebüschen

Mit eines Schäfers Feldschalmei

Ihr tonreich Lied vermischen.

|Und deine Rinderheerde satt

Im Blumenthal beim Bache lieblich brüllet:

Jezt aber reizt Dich Friedrichs Stadt

Mit Spiel und Tanz erfüllet.

Jezt ladet Dich der Singe-Saal

Des Helden ein, der über andre glänzet,

Wie Phöbus, wenn der goldne Strahl

Sein lokkigt Haupt bekränzet

Die Sterne ringsumher beschämt;

Hier herrschen hohe königliche Freuden,

Und selbst der Bürger, der sich grämt,

Verstaunt hier seine Leiden;

Vergißt den Mangel, der ihn drückt,

Und stürzt sich mit der zahlenlosen Menge

Ans Schauspielhaus, und wird erquickt

Vom Wohlklang der Gesänge.

Auch Du betäubest jezt in Dir

Des Ländereibesitzers kleinste Sorgen,

Bald aber lokket Dich von hier

Der Hornungs erster Morgen,

An welchem sich die Lerche schon

Hoch über Deine Saatenfelder schwinget,

Da sagt Dir ihrer Hymnen Ton

Mehr als der Sänger singet,

Dem Menschenkunst die Noten schrieb,

Und Könige zu ihrer Lust gedungen;

Der ungerührt bei Trillern blieb,

Die jedes Ohr durchdrungen:

Und einer Orgelpfeife gleicht

Die schmeichlerisch den Hörer überwindet,

Und bis zu Thränen ihn erweicht

Und selber nichts empfindet.

Der Skorpion, die Schildkröte und die Gans

Eine Traumfabel

Am weidenreichen Spreegestade,

Wo die gesicherte Najade

Ihr lockigt Haupt noch stolzer trug,

Seitdem in Sachsenland Held Heinrich Feinde schlug;

Am Spreegestade kroch aus einem holen Baum

Ein Skorpion, das glaubt man kaum.

Giebts zu Berlin auch Skorpionen?

Ich dachte, daß sie nur in heißen Ländern wohnen.

Mein Leser, höre doch, ich sah ihn nur im Traum.

Er kroch am Ufer hin und wieder,

Und sah, von bittern Neid bewegt,

Ins grüne Schilf scheelsüchtig nieder

Auf ein Geschöpf, das sich mit breitem Schilde trägt,

Und schmackhaft ist am Fleisch, und nach dem Tode glänzet

In seinem Deckel schön polirt.

Der Skorpion mit Gift zum Schadenthun geschwänzet

Von der Natur, und nicht geziert

Mit bunten Flecken, wie die Schlangen,

Der Skorpion kroch an das Schilf

Und sprach: dir Freundin sey geklaget mein Verlangen,

Dort übern Strome will mein Bruder mich umfangen,

Und schwimmen kann ich nicht; du aber kannst, ach hilf

Mit deinen Rudern mir herüber!

Die Kröte mit dem Schilde spricht:

Gefälligkeit ist meine Pflicht,

Und kein Geschäfte war mir lieber

Als dies; mein Schild ist breit genug.

Sie sprichts: er setzt sich auf und da sie nun getreulich

Den giftigen Verräther trug,

Schwamm eine Gans daher und schlug

Mit beiden Flügeln auf, und schrie: das ist abscheulich!

Jetzt flößt dir guten Schwimmerin

Der, den du trägst, das Gift im Rücken.

Verdammter! sprach hierauf die treue Trägerin,

Mich panzert die Natur zu sehr vor deinen Tücken,

Dein Gift floß schadlos in den Fluß;

Sey du ihm nachgestürzt! Hier tauchte sie ihn nieder

Der Skorpion hat noch viel Schwestern und viel Brüder.

O daß nicht jeder Mensch nach dem Verräther Kuß,

Den er gegeben hat, also ersaufen muß!

über die Begierde des Säuglings

Ob Weizen reift zu Semmel oder Kuchen,

Darüber sorgt der Säugling nicht,

Der einen Busen weiß zu suchen,

Und lallend mit der Amme spricht.

Er bittet nicht um Regen oder helle

Vom Lerchenchor durchsungne Luft,

Wenn selbst die halbversiegte Quelle

Zum Jupiter um Nässe ruft,

Er kennet keine Güter, des Bestrebens,

Des Wunsches seiner Seele werth,

Ihm ist das ganze Glück des Lebens

Die volle Brust, die ihn ernährt.

Nach ihr verlangt er heißer als die Schaaren

Der Römer bey dem Marc Anton

Nach Wasser, als sie schmachtend waren,

Und kämpfend vor den Parther flohn.

An diese Brust fällt er mit größerm Geize

Als ein verliebter Jünglingsmund

An Lippen, die durch ihre Reize

Sein junges Herze machten wund.

Und wenn er nun dies erste Glück verlieret

Und seinen ersten Kummer weint,

Wird seine Mutter tief gerühret,

Mit ihm zur Traurigkeit vereint.

Es dünkt ihr hart, den Säugling so zu quälen,

Und doch ists ein nothwendig Muß:

So weislich läßt der Himmel fehlen

Uns Größern oft den Ueberfluß.

Er thät es nie, wenn nicht Sein Auge wüßte,

Was jedem Menschen nützlich sey,

Er nimmt die Nahrung unsrer Lüste

Und legt uns etwas Beßres bey.